Six Wheels in Germany

Auf sechs Rädern in Deutschland

VON HELEN HANCOX (AUNTIE HELEN)

Helen Hancox mit ihrem Velomobil "Penelope". Foto: Helen Hancox

Helen Hancox mit ihrem Velomobil „Penelope“. Foto: Helen Hancox

In den letzten anderthalb Jahren habt ihr mich vielleicht rund um den Kreis Viersen auf meinem Liegedreirad oder meinem lila Velomobil gesehen. Ich bin eine britische Frau, die nach Deutschland umgezogen ist und das Leben hier wirklich liebt. Was habe ich mit meinen englischen Augen über den Niederrhein zu berichten?

Im April 2014 zog ich nach Kempen um, mit meinem Liegedreirad, meinem Velomobil, meinem Hund und vielen Ideen, was ich in Deutschland machen wollte. Ein definitiver Plan war, regelmäßig radzufahren, um den Niederrhein kennenzulernen – und das habe ich sicherlich getan!

Warum also Niederrhein?

Zum Teil wegen seiner Lage mit guter Anbindung an das Vereinigte Königreich über Hoek van Holland / Harwich, aber vor allem, weil es hier schön flach und für Liegeräder sehr gut geeignet ist. Ich hatte genug Hügel in meinen 5 Jahren in Großbritannien erlebt. Und ich bin schon viel radgefahren – im Jahr 2009 zum Beispiel fast 20.000 km.

Ich trat sehr schnell dem ADFC bei und nahm an vielen der Gruppenfahrten teil. Ich bekam Kontakt zu vielen Personen durch velomobilforum.de und ein Liegeradfahrer aus Viersen meldete sich sponatan, als er in meinen Blog www.auntiehelen.co.uk gelesen hatte, dass ich nach Kempen umziehen werde. So fand ich schnell viele Menschen, mit denen ich regelmäßig fahre.

Zwei Leidenschaften von Helen Hancox: Niederrheinischer Kuchen und das Velomobil "Penelope". Foto: Helen Hancox

Zwei Leidenschaften von Helen Hancox: Niederrheinischer Kuchen und das Velomobil „Penelope“. Foto: Autorin

Ich bin jetzt seit 16 Monaten hier, und in dieser Zeit 15.000 km (davon 7.000 zusammen mit anderen) gefahren und habe ein paar Herausforderungen geschafft – Radfahren entlang aller Bahnradwege im Kreis Viersen an einem Tag, jede Kirche in Kreis Viersen einmal mit dem Rad besucht, jeden Wassermühle und (keine offizielle Herausforderung, aber eine bei der ich sicherlich besonders erfolgreich bin) versuchen, viele verschiedene Arten von Kuchen in den Bäckereien und Cafés zu geniessen.

Wie funktioniert Radfahren am Niederrhein im Vergleich zum Radfahren in England?

Radfahren in Deutschland und insbesondere am Niederrhein ist sehr verschieden vom Fahrradfahren in Großbritannien. Erstens, in Großbritannien fahren wir normalerweise auf den Straßen mit Autos und Lastkraftwagen zusammen. Wir haben nicht so viele Radwege und die sind zudem noch schlecht gepflegt. Sie führen selten, wohin sie führen sollten. Ich fahre fast immer auf der Straße in Großbritannien. Dies ist schneller, kann aber noch beschwerlich sein für diejenigen, die nicht sehr tapfer sind.

Zweitens, in Großbritannien fahren normalerweise Männer mittleren Alters auf Carbon Rennrädern oder Mountainbikes Rad. Wir haben in Großbritannien wenige Hollandräder und ich habe selten E-Bikes gesehen. Fahrräder sind oft teuer und nur wenige werden als Alltagsverkehr genutzt. Man sieht selten ältere Menschen radfahren und die meisten Kinder werden in die Schule mit dem Auto gefahren, selbst wenn sie nur einen Kilometer entfernt leben. Eltern denken, dass die Straßen zu gefährlich sind für junge Menschen mit dem Fahrrad. Radfahren ist etwas für Männer, die in ihrer Midlife-Krise sind. Es kann auch ein  Fashion-Statement sein, mit Radsportbekleidung wie Rapha, die ein Vermögen kosten, oder mit extrem teuren Bikes und Accessoires zu fahren. Es ist nicht wirklich eine alltägliche Sache – wir nutzen Autos als Verkehrsmittel in England.

Dies ist für mich der größte Unterschied zwischen dem Leben in England und dem in Deutschland. Es scheint, dass jeder hier ein Fahrrad hat und es auch benutzt. In Großbritannien sind Radfahrer sehr in der Minderheit, aber das ändert sich zur Zeit.

Das Besondere am Niederrhein

Das Gebiet des Vereinigten Königreichs, wo ich lebe (North East Essex), ist landschaftlich dem Niederrhein ähnlich, außer mehr hügelig. Was ich hier besonders gut finde sind die ruhigen Feldwege, die hervorragenden Radwegsysteme mit Knotenpunkten, die schönen Blicke über die Felder und die Cafés, Biergärten und andere Orte zum Einkehren.

Es gibt einige Dinge, die ich von Großbritannien vermisse, aber nichts davon ist auf das Radfahren bezogen, außer vielleicht der Gelegenheit, auf der Straße zu fahren (was ich manchmal doch tue), wenn ich wirklich schnell gehen will. Ich vermisse den Schwerverkehr, den Mangel an Fahrradinfrastruktur und die schlechten Straßen überhaupt nicht.

Ich bin beeindruckt vom ADFC und den vielen verschiedenen Fahrten, die regelmäßig angeboten werden. Ich mag den Stammtisch in Kempen, wo ich meine Freundschaften mit mehreren Fahrradfreunden vertiefe. Ich mag die Tatsache, dass ich nicht der einzige Liegeradfahrer in der Gegend bin, dass es mehrere andere gibt mit denen ich mitradeln kann. Ich finde es gut, dass es Fahrradgeschäfte in jeder Stadt gibt, so dass ich immer Ersatzteile falls es erforderlich ist abholen kann.

Mir ist auch aufgefallen, dass die Leute hier viel langsamer fahren als in Großbritannien. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass das Alters- und Leistungsspektrum der Radfahrenden hier viel breiter ist als in Großbritannien. Auf stark befahrenen Radwegen an einem Sommertag radele ich in einer Schlange von Elektrobikes und weil mein Trike ein wenig breiter als die meisten Bikes ist, ist es schwierig zu überholen. Ich fahre im Durchschnitt zwischen 17-22 km / h, je nach Rad und Wetter, im Vereinigten Königreich ist das sicher langsam. Hier fahre ich damit aber schneller als die meisten Leute, die ich sehe.

Safety first

Geschwindigkeit ist eine Frage der Sicherheit. Autofahrer erwarten oft nicht, dass jemand so schnell mit dem Rad unterwegs ist. Ich finde, dass einige der Radwege, die entlang der Bürgersteige mit vielen Zufahrten zu Häusern führen, ziemlich gefährlich sein können, wenn die Einfahrten schlecht einzusehen sind. Ich musste mehrmals notbremsen. In diesen Situationen fahre ich oft auf der Straße, weil ich es für sicherer halte. Auf der anderen Seite, freue ich mich, dass so viele Menschen aller Altersgruppen an der frischen Luft Rad fahren, anstatt in ihren Autos zu sitzen. Mein Eindruck ist, dass die Menschen am Niederrhein wegen der erhöhten Aktivität in der Regel gesünder sind als diejenigen, die in meinem Teil von England wohnen.

Ich genieße das Leben in Deutschland sehr, vor allem, weil Radfahren ein wichtiges Hobby von mir ist, und finde es echt toll, dass ich so viele nette Leute durch Radtouren kennengelernt habe. Ihr könnt alle über meine Erfahrungen hier in Deutschland in meinem Blog www.auntiehelen.co.uk mit den Unterabschnitt „Six Wheels In Deutschland‘ lesen. Es gibt eine Google Translate-Funktion rechts auf der Seite, wenn die englische Version zu schwierig ist.

Dieser Beitrag wurde unter Ausgabe 3 / 2015, Panorama abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Six Wheels in Germany

  1. Avatar Marlies Flock sagt:

    Liebe Helen,

    Mit viel Freude habe ich deinen Artiiel gelesen, in dem du ausführlich deine Freude am Rafdahren beschreibst (sehr ansteckend). Die Gegenüberstellung dès Radfahrens im UK und am Niederrhein ist sehr aufschlussreich. In vielen Punkten habe ich die gleichen Erfahrungen gemacht, auch wenn ich nicht so schnell wie du unterwegs bin.
    Du berichtest so liebevoll von unserem Niederrhein, dem ADFC und den neuen Freunden, die du dort gefunden hast. Dem kann ich voll zustimmen. Ich fühlte mich gleich sehr wohl und gut aufgehoben in der Gruppe und freue mich stets aufs Neue auf die gut vorbereieten Touren, den Stopps in Cafes (ich teile deine Liebe für Kuchen) oder Restaurants, doch vor allem an den so freundlichen Leitern. Ich habe spontan einen Mitgliedsantrag nach dem Lesen deines Artikels ausgefüllt.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Freude an unserem Niederrhein. Es gibt sicher noch viel zu entdecken!
    LG Marlies

  2. Avatar Marlies Flock sagt:

    Liebe Helen, mit viel Freude habe ich deinen Artikel gelesen, in dem du ausführlich deine Freude am Radfahren beschreibst (sehr ansteckend). Die Gegenüberstellung deiner Erfahrungen im UK und die am Niederrhein sind sehr aufschlussreich (dein Deutsch bewundere ich). Ich habe ähnliche gemacht mit Ausnahme der Geschwindigkeit. Das liegt sicher am höheren Alter der Radler hier. Das E-Bike ist eine relativ junge Errungenschaft in Deutschland. Vielleicht eine typisch deutsche Charaktereigenschaft, sich sofort alles Neue anzueignen, obwohl man es nicht bräuchte. (Beispiel: Rollator) ich fahre viel in Frankreich Rad, doch E_Bikes an der Loire, am Kanal von Burgund oder im Süden (Toulouse am Canal du Midi …) habe ich fast gar nicht gesehen. Wenn ich welche getroffen habe, waren es sicher Deutsche. Du berichtest so liebevoll von unserem Niederrhein, dem ADFC und den neuen Freunden, die du dort gefunden hast. Dem kann ich nur zustimmen. Ich fühlte mich gleich gut aufgehoben in der Gruppe und freue mich stets auf die ausgezeichnet vorbereiteten Touren, den Erklärungen, den Stopps in Cafés oder Kneipen (ich teile deine Liebe für Kuchen) doch vor allem den freundlichen Leitern. Nach dem Lesen deines Artikels habe ich spontan einenn Mitgliedschaftsantrag ausgefüllt.
    Ich wünsche dir noch viele Entdeckungstouren an unserem Niederrhein, es gibt sie noch, möglichst ohne Pannen und Blessuren.
    LG Marlies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.