Kleine Wunder der Natur

Der größte Wald am Niederrhein, ein Afrika-Museum und ein Fahrradmuseum. Zwischen Goch, Nimwegen und Kleve begleitet das Unerwartete den Radfahrer auf Schritt und Tritt.

Manchmal sind es die kleinen Dinge rechts und links der Strecke, die eine Fahrradtour zu etwas ganz Besonderem machen. Auf der Route von Goch über Nimwegen (niederländisch: Nijmegen) nach Kleve ist genau das der Fall. Denn welcher Radfahrer, der am Gocher Bahnhof startet, weiß schon, dass das Gebäude aus den 50er-Jahren durch den Modellbauhersteller Faller Berühmtheit erlangte. Als Bahnhof „Neustadt“ war der Bau das Glanzstück jeder Märklin-Eisenbahnanlage. Und auch wenn der Bahnhof in die Jahre gekommen ist, Fans lieben ihn noch immer. Für die Radfahrer ist er ein idealer Startpunkt zu den kleinen und großen Überraschungen am unteren Niederrhein.
Und die lassen sich schon nach wenigen Kilometern im Reichswald entdecken, dem größten zusammenhängenden Waldgebiet am Niederrhein. Wer Glück hat, kann bei einem ersten kleinen Stopp auf der insgesamt 64 Kilometer langen Tour dem Schwarzspecht, Pirol, Wespenbussard oder Hirschkäfer begegnen.

Über den schnurgeraden, für den Autoverkehr gesperrten Kartenspielerweg gelangt der Radler zum ersten Highlight, dem Afrika-Museum in Berg en Dal. Nicht größer könnte der Kontrast zur üblichen Niederrheinlandschaft sein. Inmitten eines kleinen Waldstücks verborgen, gilt es, den Zauber des Kontinents zu entdecken.

Das Afrika-Museum ist entstanden aus vielen Souvenirs, die katholische Missionare von ihren Reisen nach Afrika mitgebracht haben. Im Innenbereich wird traditionelle sowie zeitgenössische afrikanische Kunst gezeigt. Im Außenbereich sind Gehöfte und Dörfer aus Kamerun, Ghana, Mali und Lesotho originalgetreu nachgebaut. Die Pfahlbauten der Toffinou aus Benin begeistern ebenso wie ein Pygmäenlager aus Kamerun. Sogar das südliche Afrika ist mit einem ländlichen Anwesen aus Lesotho vertreten. Das grasende Kleinvieh, das Gemüse auf den kleinen Äckern und die Einrichtung der Häuser sorgen für echtes Afrika-Feeling – und das unmittelbar an der deutsch-niederländischen Grenze.

Historische Liegeräder im Fietsmuseum Velorama in Nimwegen. [Foto: Eva Kröcher, GFDL/CC]

Historische Liegeräder im Fietsmuseum Velorama in Nimwegen. [Foto: Eva Kröcher, GFDL/CC]

Weniger überraschend, dafür vielleicht typischer für unser Nachbarland ist das Velorama, das einzige Fahrradmuseum der Niederlande. Es befindet sich in der Stadt Nimwegen an der Waalkade und wurde 1981 gegründet. Den Grundstock für diese exquisite Sammlung lieferte der niederländische Fahrradfan Gertjan Moed. 250 Zweirad-Exponate aus zwei Jahrhunderten werden gezeigt. Darunter Laufräder, Vierräder, Fahrräder aus den USA der 50er-Jahre und Zweiräder mit alternativen Antrieben. „Hier kommt der Radfahrer nicht mehr aus dem Staunen heraus“, versichert der ADFC-Tourguide Ralf Hollerbach aus Neuss. Und für den, der noch tiefer in die Materie einsteigen will, gibt es eine umfangreiche Sammlung an Fahrradliteratur sowie das historische Firmenarchiv des Traditionsherstellers Gazelle.

Älteste Stadt der Niederlande

Übrigens, wenn man schon mal in Nimwegen ist, sollte der Radler auch die Stadt genießen. Auf dem historischen Marktplatz ein „Pilske“ in der Sonne zu genießen und dem städtischen Treiben zuzusehen, das ist eine schöne Abwechslung auf dieser Tour, die von Natur und Ruhe geprägt ist. Karl der Große besaß hier eine Residenz und Kaiser Barbarossa eine Burg. Nimwegen wurde einst von den Römern gegründet und gilt als die älteste Stadt der Niederlande. Und wo wir schon einmal bei Superlativen sind: Ganz in der Nähe passiert unsere Route das Örtchen Persingen, das in früheren Zeiten den Namen „Herrlichkeit“ schmückte. Der Zusatz hat jedoch nichts mit der wahrlich herrlichen Landschaft zu tun, die man auf dieser Etappe erlebt, sondern bezeichnete früher eine wohlhabende Ortschaft, die von einem Adeligen verwaltet wurde, der sich eine umfangreiche Selbstständigkeit auf kirchenrechtlichem und verwaltungstechnischem Gebiet erworben hatte – und davon nicht schlecht lebte. Das einstmals blühende Persingen ist zum Kleinod geschrumpft. Es ist das kleinste Dorf der Niederlande und besteht aus zwei Bauernhöfen und einer Kirche, die als Ausstellungsraum genutzt wird.

Postkartenidylle

Unsere Tour hat das Landschaftsschutzgebiet Düffelward erreicht. Für Kenner ist es das schönste Fleckchen Niederrhein. Pappeln, Altrheinarme, der Wind, das Licht – keine Postkarte könnte die Landschaft schöner zeigen als sie in Wirklichkeit ist. Wer hier radelt, darf staunen über die vielen kleinen Wunder der Natur. Und auch die großen fehlen nicht, denn der mächtige Rhein bildet die Trennlinie zwischen dem grünen Land und dem weiten Himmel. In dieser Landschaft, in der Flutkatastrophen in der Vergangenheit etwas ganz Alltägliches waren, lebte von 1791 bis 1809 Johanna Sebus. Nach einem Dammbruch bei Brienen rettete sie zunächst ihre Mutter aus den Fluten des Rheins. Als das 17-jährige Mädchen noch anderen Menschen helfen wollte, kam es ums Leben. Ihr Leichnam wurde beim Abfließen des Wassers gefunden. 1872 wurde ihr Grab beim Bau einer neuen Kirche in Rindern in das Gebäude verlegt.
„Der Damm zerreißt, das Feld erbraust,/Die Fluten spülen, die Fläche saust./Ich trage dich, Mutter, durch die Flut,/Noch reicht sie nicht hoch, ich wate gut.“ Kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe widmete Johanna Sebus eine Ballade. Welchem Dorfmädchen am Niederrhein ist schon eine solche Ehre zuteil geworden?

Der Spoykanal ist ein beliebtes Klever Aufflugsrevier. Im Hintergrund ist die Schwanenburg zu sehen, das Wahrzeichen der Stadt. [Foto: Gotrfried Evers]

Der Spoykanal ist ein beliebtes Klever Aufflugsrevier. Im Hintergrund ist die Schwanenburg zu sehen, das Wahrzeichen der Stadt. [Foto: Gotrfried Evers]

Schließlich geht es auf die letzte Etappe entlang des Spoykanals Richtung Kleve. Schwanenstadt und Endpunkt der Route. Die Schwanenburg dominiert den Ort, der dank der Neugründung einer Hochschule wieder jung und agil geworden ist. Einen Bahnhof gibt es hier natürlich auch, und es dauert nur wenige Minuten, bis der Radfahrer den Ausgangspunkt in Goch erreicht.

Erstveröffentlichung in meinRheinland, mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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Ralf Hollerbach [Foto: Alois Müller]

Der Artikel basiert auf einem Interview mit Ralf Hollerbach. Der begeisterte Radfahrer wurde 1961 in Kleve am Niederrhein geboren. Hollerbach ist Signaltechnikmeister der Deutschen Bahn, verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Neuss. Sein Lieblingsrevier für Radtouren ist der Niederrhein. Hier kennt der ADFC-Tourenleiter jeden Weg. Die abwechslungsreiche Landschaft, der Rhein und der Reichsbald liegen Hollerbach besonders am Herzen. Ebenso wie die einstige Residenzstadt Kleve mit ihrer reichen Geschichte.

 

 

 

Tipps

Afrika-MuseumPostweg 6, 6571 CD Berg en Dal
Niederlande
Telefon +31 88 004 2800
www.afrikamuseum.nl

Fietsmuseum Velorama
Waalkade 107, Nimwgen
Tel. 031 24 322 5881
www.velorama.nl

Von Goch nach Nimwgen und Kleve

Von Goch über Nimwegen und Kleve, mit Museumsbesuch [Karte: Openstreetmap.org]

Dieser Beitrag wurde unter Ausgabe 2 / 2016, Tourismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

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