Bikes vs. Cars

Ein Film von Fredrik Gertten mit Aline Cavalcante, Dan Koeppe. Die Hommage an den Film übernahmen wir mit freundlicher Genehmigung des Autors von www.schickemuetze.de

VON CARSTEN WIEN

Was für ein Titel: Bikes vs. Cars. Großer Fight, harte Gegner. Man landet gedanklich schnell bei den üblichen Begriffen, mit denen sich Autolobby und Radaktivisten beharken. Kampfradler vs. The Fast & the Furious. Ein Kampf ohne Sinn, wahrscheinlich auch ohne Gewinner. Doch hier geht es um einen ganz anderen Film – sachlich, leise, bewegend. Ein Film über Straßenverkehr in Städten. In all seiner Vielfalt, von den Radaktivisten in Sao Paulo bis zum Taxifahrer in Kopenhagen. Probleme, Ideen und Lösungen. Von beiden Seiten für beide Seiten.

Städte sind kompakter Lebensraum für Menschen. Wir haben Städte gegründet, weil sie uns Schutz gaben. Weil wir dort handelten. Wir leben in Städten, weil wir dort arbeiten. Und wir leben in Städten, weil sie unser Raum für Kultur, Kommunikation, Austausch, Meinungen sind. Lebensraum für Menschen. Wir haben uns auf die unterschiedlichsten Arten in und zwischen den Städten bewegt, zu Fuß, auf dem Pferd, mit dem Fahrrad, mit der Straßenbahn, mit dem Bus, mit dem Auto. Irgendwann haben wir begonnen, uns selbst von Flächen der Stadt zu vertreiben, in dem wir diese Flächen für unsere Autos benutzt haben. Wir haben uns selbst eingeredet, dass dem Autoverkehr große Flächen der Stadt zustehen. Immer mehr Straßen, immer mehr Parkzonen.

Bikes vs. Cars hat beim Environmental Film Festival in Turin den Preis als beste internationale Dokumentation bekommen.

Bikes vs. Cars hat beim Environmental Film Festival in Turin den Preis als beste internationale Dokumentation bekommen.

Wir haben so Platz geschaffen für immer mehr Autos. Weil wir überzeugt waren, Autos sind der beste Weg, Entfernungen in Städten zurück zu legen. Die Autogerechte Stadt als Lösung für unseren Individualverkehr. Freie Fahrt für freie Bürger. Und dann plötzlich stellen wir fest, dass wir uns kaum noch vorwärts bewegen, weil unsere Städte keinen Platz mehr bieten, um noch mehr Platz für noch mehr Autos zu schaffen. Wir bemerken, dass es andere Arten der Fortbewegung in der Stadt gibt.

Und wir realisieren, dass wir nicht nur unsere Umwelt, diesen anonymen Lebensraum, vergiften, sondern uns selbst. Wir bemerken, dass Ressourcen endlich sind, dass wir als Menschen Verantwortung tragen, neue Lösungen zu finden.

Ein wunderbar simpler Aspekt in „Bikes vs. Cars“ ist, dass überall auf der Welt Städte seit 50 Jahren versuchen, die Verkehrsproblematik mit dem Auto zu lösen. Keine einzige hat es geschafft. Ein gutes Argument, mal etwas anderes zu testen.

Fredrik Gertten, Schwedischer Journalist und Filmemacher, hat keine Angst vor großen Gegnern. Seine Dokumentation „Bananas“ brachte ihm eine Klage der Dole Food Company ein, dem größten Fruchtverarbeitungskonzern der Welt, der die Geschmacksnerven unserer Kindheit mit seinem zuckergetränktem Geschnibbel namens Fruchtcocktail verdorben hat. Deren Klage hat Gertten übrigens direkt zum Thema seines nächsten Films gemacht: „Big Boys gone Bananas!“. Also hat er auch noch Humor. Und jetzt widmet er sich dem Thema Fahrrad. Oder besser Fahrradverkehr.

Fotos: mindjazz pictures 90 Minuten spannende Unterhaltung mit phantastischen Aufnahmen aus aller Welt

Fotos: mindjazz pictures
90 Minuten spannende Unterhaltung mit phantastischen Aufnahmen aus aller Welt

Frederik Gertten nimmt uns mit auf eine Reise um die Welt, besucht Städte, um ihren Umgang mit dem Thema Radverkehr zu zeigen. Sachlich, frei von Polemik, ohne die ganz einfachen Wahrheiten, die uns von beiden Seiten immer wieder vorgekaut werden. Ein Film, der betrachtet, beim Zuschauer Intelligenz voraussetzt und Platz lässt, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Ein Film, den deshalb auch viele Autofahrer sehen sollten. Weil er auch zeigt, mit welchen Mitteln Autoverkehr etabliert wurde. Manchmal hilft ein Blick hinter die Kulissen, um Augen zu öffnen.

Dieser Beitrag wurde unter Ausgabe 3 / 2016, Mönchengladbach, Verkehr veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

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