Mit dem Rad durch die neue Heimat

Integrationsprojekt in Krefeld

von Pia Utzenrath

In Krefeld läuft seit Herbst 2015 das Projekt „Fahrrad macht mobil“: Zugunsten von Flüchtlingen machen ehrenamtliche Helfer in einer Begegnungswerkstatt gespendete Bikes wieder fit. Inzwischen hat sich das Spektrum der Aktivitäten verbreitert und es werden auch theoretische und praktische Verkehrsschulungen angeboten.
Omid, mit vollem Namen Hadi Ramezannezhad, schaut genau hin. Vor dem jungen Mann hängt ein Fahrrad an zwei Metallhaken. Fahrbereit ist es noch nicht. Geduldig erklärt Omid deshalb Parvis Neurath, was noch zu tun ist. Es ist ein Geben und Nehmen: Beide Männer stammen aus dem Iran und während Parvis, der schon lange in Deutschland lebt, für Omid übersetzt, wenn es mit der Sprache hakt, führt der gelernte Mechaniker den Älteren ein in die Feinheiten der Fahrradreparatur.

Viele Fahrräder sind schon durch die Hände von Omid und Parvis gegangen Foto: youngcaritas

Viele Fahrräder sind schon durch die Hände von Omid und Parvis gegangen
Foto: youngcaritas

Trotz Werkbänken und reihenweise hilfsbedürftiger Drahtesel wird schnell deutlich: Hinter dem Rolltor an der Gerberstraße verbirgt sich keine gewöhnliche Zweiradwerkstatt. Es ist ein Ort der Begegnung, den Sonja Neuwirth und Patricia JuradoEkmekçi von youngcaritas Krefeld vor knapp einem Jahr zu planen begannen. Die Idee dahinter entspringt dem Zeitgeist. Während sich Flüchtlinge, Verwaltungen, Organisationen und Helfer gleichermaßen um Integration bemühen, werden sie häufig von einem Faktor ausgebremst – mangelnder Mobilität. Für viele geflüchtete Menschen ist es schwierig von A nach B zu kommen. Gemessen an den finanziellen Möglichkeiten der Neuankömmlinge ist das Sozialticket mit über 35 Euro im Monat teuer und nicht alle Flüchtlingsunterkünfte haben gute Anbindungen an den öffentlichen Nahverkehr.

Über 300 Räder wurden bisher insgesamt gespendet, viele Freiwillige schwingen seitdem die Schraubenschlüssel um sie wieder verkehrstauglich zu machen. Die meisten Ehrenamtler, wie auch Parvis Neurath, freuen sich nicht nur helfen zu können, sondern schätzen auch den Austausch und die angenehme Atmosphäre in der Begegnungswerkstatt. „Es ist schon eine coole Truppe hier“, sagt Christoph Cervantes-Janssen und deutet auf eine Checkliste an der Wand. „Trotzdem brauchen wir auch Knowhow, damit aus den Rädern etwas wird.“ Aus Sicherheitsgründen wird jedes Rad nach der Reparatur noch einmal überprüft und Probe gefahren. Technisch einwandfreie Fahrzeuge allein garantieren jedoch noch keine Sicherheit im Straßenverkehr, stellt Andreas Domanski vom ADFC Krefeld klar: „Nicht alle Interessenten kennen die Verkehrsregeln auf deutschen Straßen und Radwegen.“ Deshalb gehören auch Verkehrsschulungen zum Programm. In zweistündigen Kursen werden Schilder und Regeln erklärt und es wird auch deutlich gemacht, dass Verstöße geahndet werden. „Das ist für die Leute wichtig zu wissen! Die denken sonst: Der Polizist hat mich rausgepickt, weil ich ein Ausländer bin“, erklärt Sonja Neuwirth.

Erster Ausflug mit aufbereiteten Spendenfahrrädern Foto: Karl-Heinz Renner

Erster Ausflug mit aufbereiteten Spendenfahrrädern
Foto: Karl-Heinz Renner

Riad Safer gehört zu den 160 Personen, die bisher ein Fahrrad erhalten haben. Der 14-Jährige freut sich, mit seinem knallroten Mountainbike mit Freunden durch die Gegend und zum Fußball fahren zu können. „Im Irak hatte ich auch ein Rad. Da fahren aber nur Kinder und Männer.“ Viele geflüchtete Frauen saßen noch nie auf einem Fahrrad. Probeweise haben die Unterstützer von „Fahrrad macht mobil“ deshalb das erste Radfahrtraining angeboten. „Die sechs Syrerinnen wollten unabhängiger werden“, erzählt Oliver Fix, der neben Ana Sanz Sanz, Annelie Heimendahl und Karl-Heinz Renner zum Schulungsteam gehört. Bedenken wegen der Fahrradtauglichkeit der Kleidung der verschleierten Teilnehmerinnen lösten sich zu Beginn der Stunde in Wohlgefallen auf.
Anfang September hatten erneut 45 Interessenten die Möglichkeit, sich für Theorieseminare anzumelden und im Anschluss ein Fahrrad zu erhalten.

Flüchtlinge erkunden Krefeld per Rad zusammen mit Aktiven der Begegnungswerkstatt

Flüchtlinge erkunden Krefeld per Rad zusammen mit Aktiven der Begegnungswerkstatt

 

 

 

 

 

 

 

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Die Werkstattzeiten an der Gerberstr. 44 konnten inzwischen erweitert werden: Mo u. Mi von 15.30-18 Uhr und Sa ab 10 Uhr. Sowohl für die Werkstatt (Technik wie Thekendienst), praktische Radfahrkurse als auch begleitete Radausflüge werden noch weitere Helferinnen und Helfer und Fahrradspenden gesucht. Dann könnte das Projekt mit seinem breiten Angebotsspektrum vielleicht auch über den Förderungszeitraum hinaus als Freie oder Selbsthilfe-Werkstatt weitergeführt werden. Die in diesem Projekt erarbeiteten Informationsmaterialien für die Verkehrsschulungen werden in Dateiform auch anderen Organisationen zur Verfügung gestellt.

Kontakt:
Projektleitung Sonja Neuwirth: neuwirth@youngcaritas-krefeld.de
FahrRad! Aktionskreis Krefeld: radelnkrefeld@gmail.com
Werkstattleitung Christoph Cervantes-Janssen: 0173 54 52 673
Weitere Infos: www.youngcaritas-krefeld.de

 

Dieser Beitrag wurde unter Ausgabe 3 / 2016, Krefeld / Kreis Viersen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

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