600 Kilometer Oder-Neiße-Radweg

Die sieben Mädels der Helen-Keller-Gruppe des Dormagener Raphaelshauses fuhren mit dem Rad von Zittau bis Ueckermünde, immer an der deutsch-polnischen Grenze entlang. Lesen Sie den Erlebnisbericht von Michelle T., 13 Jahre.

tourismus_helen_keller_2011_1Endlich Ferien – und mit vollgepackten Rädern starten wir unsere Radtour. Wir haben alles dabei: Zelt, Isomatte, Kocher und Verpflegung für die nächsten vier Tage, dann müssen wir wieder einkaufen gehen. Bekleidung für Sonne, Wind und Regen ist natürlich auch dabei.

Da wir mit den Rädern und ohne Begleitfahrzeug unterwegs sind und alles Wichtige bei uns haben müssen, haben wir extra auf unsere Bedürfnisse zugeschnittene Tourenfahrräder, die wir mit sechs regensicheren Packtaschen bestücken können. Natürlich sehen unsere Fahrräder, so wie wir,  alle gleich aus. Wir Mädchen haben auch gleiche Kleidung mit dem Logo der Helen-Keller-Gruppe an. So sind wir als rollende Fahrradkarawane kaum zu übersehen.

Von Köln aus fahren wir also zuerst einmal mit dem Zug über Berlin nach Zittau. Wir konnten dabei sogar einen Blick auf das Reichstagsgebäude erhaschen, da wir bei gut zwei Stunden Aufenthalt in Berlin, auf unseren Zug warten müssen. In Zittau angekommen müssen wir zum Glück nur noch ein paar Kilometer bis zu unserem ersten Schlafplatz (einem Campingplatz) fahren. Sehr erschöpft und müde bauen wir unsere Zelte auf und gehen schnell schlafen.

In den nächsten Tagen haben wir meistens schönes Wetter. Wir fahren entlang der Neiße und der Oder an der deutsch-polnischen Grenze. Das ist zuerst sehr angenehm. Es gibt kaum Steigungen und man braucht nur gleichmäßig in die Pedale zu treten. Nach einigen Tagen wird es allerdings immer anstrengender, da auch kleinere Berge auftauchen, die manchmal noch nicht einmal in der Karte vermerkt sind. Die schlauchen ganz schön!

Aber das Wetter bleibt leider nicht so beständig. Es regnet auch. An einem Tag erwischt es uns so sehr, dass wir abends vollkommen nass sind. In so einem Fall hoffen wir auf Hilfe von anderen Menschen. Und meistens haben wir Glück. In diesem Fall zum Beispiel, sind wir in einem evangelischen Gemeindehaus untergekom- men, in dem wir sogar den Kamin benutzen durften, um unsere Sachen zu trocknen. Es ist wirklich schöner im Trockenen einzuschlafen und am nächsten Morgen trocken losradeln zu können.

Aber auch sonst sind wir auf die Hilfe von anderen Menschen angewiesen. Sie versorgen uns mit Wasser oder stellen ihre Grundstücke zu Verfügung, damit wir unsere Zelte aufschlagen und schlafen können. Über so viel Hilfsbereitschaft sind wir immer wieder von neuem erstaunt und erfreut.

Nach sechs anstrengenden Tagen, an denen wir immer wieder ca. 10 Kilometer mehr fahren als die geplante Tagesleistung von 50 Kilometern, damit wir einen ganzen Tag am Meer verbringen können, kommen wir bei einem Campingplatz an, bei dem wir Duschen können. Es ist unglaublich, wie besonders eine Dusche sein kann, wenn man sie nicht jeden Tag haben kann!

In den letzten Tagen radeln wir quer durchs Stettiner Haff. Eine sehr schöne Landschaft zieht an uns vorbei, auch wenn wir von den Mücken beinahe verspeist werden. Nach fast 600 Kilometern Fahrt kommen wir in Ahlbeck an. Von dort ist es nur noch eine kurze Fahrt bis nach Swinemünde in Polen. Sonne, Strand und Meer warten dort auf uns.

Aber – zu früh gefreut. Der Campingplatz ist total überfüllt, es ist viel zu laut nach einer so „stillen“ Reise durch die Natur, und dreckig ist es auch noch. Wir sind enttäuscht. Und zwar so sehr, dass wir am nächsten Morgen wieder nach Ahlbeck radeln, um dort nach einem Campingplatz zu suchen. Nach einigem Hin und Her und ein paar Bergen finden wir einen schönen Platz direkt am Meer. Wir duschen, essen und genießen unseren Strandtag, denn am nächsten Morgen geht es wieder nach Hause. Aber vor der Ankunft in der Gruppe gibt es noch eine Überraschung: Nach 12 Tagen spärlicher Kost vom Kocher bekommt jedes Mädchen einen großen Döner mit Limo. Lecker!

Michelle

Das Raphaelshaus
Diese Dormagener Einrichtung der Jugendhilfe wurde vor über 100 Jahren von Franziskanern gegründet. Heute fördert sie mehr als 240 Kinder und Jugendliche in stationären Wohngruppen, Tagesgruppen und mit ambulanten Angeboten. Seit über 15 Jahren gehören moderne erlebnispädagogische Projekte zum festen Programm, darunter Wildwasserfahren, Fels- und Höhlenklettern – und Radexpeditionen. Die Kinder und Jugenlichen erleben konstruktive Grenzsituationen, nach deren Bewältigung sie zu Recht stolz auf ihre Leistung sein können. Es wird Energie und Ausdauer gefordert, Solidarität und Teamfähigkeit gestärkt und das Erreichen des Ziels ist ein tolles Erlebnis.
D. Rothkötter, Bereichsleiterin
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