Mit dem Fahrrad ins postfossile Zeitalter

Das fast 200 Jahre alte, aus dem präfossilen Zeitalter stammende Fahrrad ist das erste postfossile Verkehrsmittel im Stadt- und Regionalverkehr. Ein Gastbeitrag von Professor Hartmut Topp, Verkehrsplaner und ehemaliger Hochschullehrer an der TU Kaiserslautern.

verkehr_topp_bg_pict0954In der Umsetzung von Muskelkraft in Bewegung ist Radfahren die energieeffizienteste Fortbewegungsart, noch vor der natürlichsten Art, dem Gehen. Nahmobilität zu Fuß und mit dem Fahrrad ist zudem die nachhaltigste Form physischer Mobilität – umweltfreundlich und stadtverträglich, leise, abgasfrei, ökologisch, flächensparend, schnell auf kurzen Wegen, kommunikativ, individuell und unabhängig, preiswert. Und Radfahren ist gesund, und Fußgänger erzeugen Urbanität.

Ausreichender und komfortabler Bewegungsraum für Fußgänger und Radfahrer und ein verträgliches Miteinander aller Verkehrsteilnehmer sind Grundanliegen der neuen Ansätze von Shared Space, Begegnungszonen und der städtebaulichen Bemessung städtischer Hauptverkehrsstraßen.

Multimodal unterwegs

Das Fahrrad ist Teil des Mobilitätsverbundes aus Nahmobilität, Öffentlichem Personennahverkehr (ÖPNV) und Car-Sharing. In der physischen und organisatorisch-informatorischen Verknüpfung der Verbundelemente stärken diese sich gegenseitig. „Multimodal unterwegs“ ist die urbane Alternative zum Privatauto; auf dem Land ist das schwieriger. Ein speziell auf den Mobilitätsverbund zugeschnittener Routenplaner informiert künftig über Infrastruktur, wie Fahrrad-Abstellanlagen und Fahrrad-Leihstationen, und über die aktuelle Verkehrslage, wie ÖPNV-Abfahrtzeiten und Fahrrad-Mitnahme.

Radfahren im Alltag erlebt seit Jahren eine Renaissance dort, wo die Rahmenbedingungen bei Infrastruktur und Verkehrsklima stimmen. Dem entsprechend gibt es in den Modal-Split-Bilanzen beim Anteil des Fahrrads an den Wegen in der Stadt größte Unterschiede: Chemnitz 5 %, Mönchengladbach 7 %, Karlsruhe 16 %, Lemgo 17 %, Krefeld 25 %, Bremen 25 %, Freiburg 26 %, Göttingen 27 %. Münster – als deutsche „Fahrradhauptstadt“ kommt auf 37 %. Dieser häufig zitierte Wert bezieht sich allerdings nicht auf alle Wege in der Stadt sondern nur auf die der Münsteraner. Auf alle Wege bezogen sind es 28 %, etwas mehr als in Krefeld, Bremen, Freiburg und Göttingen.

In Kopenhagen fahren 37 % der Menschen mit dem Fahrrad zur Arbeit oder zur Ausbildung. Ihre Motive sind persönliche Vorteile: zu 54 % Schnelligkeit und Einfachheit, zu 19 % Fitness. Die Kosten werden wichtiger, wenn motorisierte Mobilität noch teurer wird. Umweltaspekte dagegen spielen bei der individuellen Wahl des Verkehrsmittels eine geringere Rolle. Diese werden allerdings zentral in der kollektiven Betrachtung und in der umweltpolitischen Bewertung des Radverkehrs: postfossil und CO2-neutral.

Mehr Nahmobilität mit Fahrrädern und Pedelecs

Das Fahrrad ist seit Jahren der Gewinner in städtischen Modal-Split-Bilanzen. Seine Potenziale sind aber in fast allen Städten noch längst nicht ausgeschöpft. Denn noch immer sind knapp 50 % der Autofahrten kürzer als fünf Kilometer. Alltagsverkehr in der Stadt ist mit über 90 % der Wege Nah- und Regionalverkehr, und über 60 % der Wege enden nach längstens 10 km. Dichte, nutzungsgemischte Stadtquartiere bieten Nähe und damit hohe Mobilität mit geringem Verkehrsaufwand. Unsere Städte sind tauglich für mehr Nahmobilität und weniger Autoverkehr.

Das „neue“ Fahrrad in seiner hybriden Form des Pedelec ist Vorreiter einer effizienten individuellen Elektro-Mobilität. Da der kleine Elektro-Motor die Muskelkraft lediglich unterstützt, sind Ökobilanz – selbst bei heutigem Strom-Mix – wie auch die Fitnessbilanz günstig. Im Gegensatz zum Elektro-Auto ist das Pedelec – mit ca. 200.000 jährlich in Deutschland verkauften und einem Bestand von ca. 1.000.000 Exemplaren – längst Selbstläufer im Mobilitätsmarkt. Mit der – gegenüber dem traditionellen Fahrrad – doppelten bis dreifachen Reichweite und Überwindung bergiger Topografie bietet es auf Kurz- und Mittelstrecken eine neue Alternative zum Auto.

Problemzone Radweg: „Die Lösung liegt auf der Fahrbahn und bei Tempo 30“

Der Radverkehr wird durch Pedelecs schneller mit neuen Anforderungen an die Infrastruktur. Schon heute zu schmale kombinierte Rad- und Gehwege taugen dann gar nicht mehr. Die Lösung liegt auf der Fahrbahn und bei Tempo 30. Wichtiger werden Radschnellwege, sichere und komfortable öffentliche Abstellanlagen sowie leicht zugängliche Unterbringung der Fahrräder und Pedelecs im Wohnungs-, Büro-, Gewerbe- und Schulbau – jeweils mit Lademöglichkeiten.

Die Stadt Münster geht davon aus, dass der bereits hohe Fahrrad-Anteil von 28 % an allen Wegen in der Stadt durch Pedelecs auf 34 % gesteigert werden kann. Dabei sind die in einem separaten Szenario Siedlungsstruktur behandelten Änderungen der Stadtstruktur noch gar nicht berücksichtigt. Ebenfalls nicht berücksichtigt sind steigende Kosten für motorisierte Mobilität, insbesondere für das Auto. Insofern dürfte der Anteil von Fahrrad und Pedelec tatsächlich noch um Einiges höher anzusetzen sein. Der zu Fuß-Anteil bleibt im Szenario Elektro-Fahrräder mit knapp 12 % konstant niedrig; der ÖPNV verliert zwei Prozentpunkte. Auf die Nahmobilität zu Fuß und mit dem Fahrrad entfielen in Münster dann also knapp die Hälfte aller Wege und ein Viertel der in der Stadt zurückgelegten Kilometer, gegenüber 15 % heute. Das könnte als konservative Benchmark Orientierung für andere Städte sein.
Die lange Geschichte des Fahrrads mit einem Auf und Ab seiner Bedeutung im Mobilitätsmarkt erreicht einen neuen Höhepunkt und eröffnet zusammen mit dem Pedelec das Zeitalter der postfossilen Mobilität. Fahrrad und Pedelec stehen für technische Innovation, Nachhaltigkeit und Fitness und Gesundheit wie kein anderes Verkehrsmittel. Im multimodalen Mobilitätsverbund mit Bus und Bahn und Car-Sharing bieten sie in den Städten eine vollwertige Alternative zum privaten Automobil.

Über den Autor
Professor Dr.-Ing. Hartmut Topp ist Gründer des Instituts „imove“ für Mobilität und Verkehr der TU Kaiserslautern. Als Topp am 30. 1. 2012 den Workshop 1 zum Masterplan Mönchengladbach moderierte, sagte er: „In vielen Städten ist das Fahrrad der Gewinner. Warum nicht auch in Mönchengladbach?“

Schlüsselbegriffe moderner Verkehrsplanung
Modal Split bezeichnet die prozentuale Verteilung des Verkehrsaufkommens auf die Verkehrsarten (Modi) wie Bahn, Fahrrad, Auto, Zu Fuß gehen.
Multimodal ist ein Mobilitätsverhalten, bei dem mehrere Verkehrsmittel genutzt werden. Etwa indem man mit dem Fahrrad zum Bahnhof und von dort weiter mit dem Zug fährt.
Pedelec oder Pedal Electric Cycle ist ein Fahrrad mit elektrischer Antriebsunterstützung. Als Fahrzeug ist das Pedelec rechtlich dem Fahrrad gleichgestellt.
Radschnellweg wird ein breiter Radweg genannt, der für zügiges Radfahren über Entfernungen von 5-20 Kilometer ausgelegt ist. Das Konzept stammt aus den Niederlanden und ist in London als „Cycle Superhighways“ bekannt. In Deutschland wird zurzeit der „Radschnellweg Ruhr“ geplant.

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