Deutsch-deutscher Grenzweg

Wo Ost und West zusammenwachsen, verlaufen einige der schönsten Radfernwege des Landes. Eine Meerbuscher Tourengruppe war im Werratal unterwegs.

werra_karteJedes Jahr macht der ADFC Meerbusch eine größere Tour in Deutschland. Besonders interessant fanden wir es dabei, die Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern, beziehungsweise die Entwicklung in den östlichen Teilen kennen zu lernen. Wir waren an der Spree und der Müritz, an Oder, Elbe und Neiße, aber auch an Lahn und Main. Im vergangenen Sommer befuhren wir den Werraradweg, der Teil des Europa-Radwegs Eiserner Vorhang ist, der von der Barentsee quer durch Europa bis zur bulgarisch-türkischen Grenze am Schwarzen Meer führen soll. Die Werra war Teil der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze und lag im früheren Todesstreifen. Die Gebiete rechts und links der Werra waren Grenzgebiet und durften auf östlicher Seite nur mit Passierschein betreten werden. In Gesprächen  erfuhren wir von unseren Gastwirten, wie beschwerlich diese Situation für sie im täglichen Leben war – ganz abgesehen von der politischen Unterdrückung in der DDR. Heute ist hier der längste Biotopverbund innerhalb Deutschlands.  Im vorgelagerten Hoheitsgebiet der DDR fanden um die 600 bedrohte Pflanzen- und Tierarten wie Haselhühner, Schwarz- und Grauspechte einen Lebensraum. Wir liefen durch unberührte Natur – auf den noch vorhandenen Patrouillenwegen der Volkspolizei.

werra_patrouilleUnsere Tour startete in Hildburghausen, einem kleinen Städtchen mit sichtlich wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die Wirtshäuser waren geschlossen oder boten Fast food. Nur im Außenbezirk konnten wir in einem größeren Imbiss unseren Hunger stillen. Höhepunkt des nächsten Tages – das Thermometer kletterte schon bis 30 Grad – war die eindrucksvolle Anlage des ehemaligen Prämonstratenser-Chorherrenstifts Veßra, auf dessen Areal sich heute auch ein Freilichtmuseum mit alten Fachwerkhäusern befindet. Das Kloster wurde von 1544 bis 1573 säkularisiert und als adlige Domäne geführt. In der DDR-Zeit war es agrarhistorisches Museum. Übernachtet haben wir in der Theaterstadt Meiningen, wo wir bei 34 Grad im Schatten im Park von Schloss Elisabethburg ausruhten, ehe wir im historischen „Schlundhaus“ (hier wurden die Thüringer Klöße erfunden!) einkehrten. Weitere Anekdote: In Meinungen lebte der Dichter von „Hoch auf dem gelben Wagen“.

Eine direkte Begegnung mit der deutsch-deutschen Geschichte machten wir in Vacha. Die alte Bogenbrücke war Grenzstation, ein Stück Mauer und ein Wachturm stehen noch im Gelände. Spannend war auch der Besuch auf Schloss und Kloster Breitungen. Die Gebäude sind teilweise verfallen. Der Custos führte uns in die Kellerräume und erklärte mit großen Enthusiasmus, was man aus der Anlage machen könnte. Ja, Fantasie muss man haben…  Danach näherten wir uns dem „Monte Kali“. Der Berg, eine Steinsalzhalde,  wurde über 100 Jahre beim Kali-Bergbau aus fast 150 Millionen Tonnen Salz künstlich aufgeschüttet und ist über 200 Meter hoch. Salz ist auch der Stoff, der in Bad Salzungen und Bad Sooden-Allendorf für wirtschafltichen Aufschwung sorgte. Die Orte sind bekannte Solebäder mit Salinen, in Salzungen in einem wunderschönen Areal mit Jugendstil-Gradierwerk.

Begeistert waren wir auch von den vielen schönen Fachwerkstädten am Wegesrand wie Eschwege oder Treffurt, die zum großen Teil vollständig renoviert sind. Wenige alte Häuser kann man noch kaufen… Last but not least waren wir in Eisenach mit der Wartburg, die uns einen kleinen Abstecher wert waren. Direkt um 9 Uhr waren wir am Burgeingang und konnten uns daher in relativer Ruhe das UNESCO-Weltkulturerbe ansehen. Über Eisenach, wo übrigens auch Bach und Luther „ihre“ Häuser haben, erfuhren wir viel Wissenswertes mit einem urigen Nachtwächter-Ehepaar.

Wir fanden: Eine schöne Tour ohne große Steigungen, die gut ausgeschildert ist und viel Natur und interessante Städtchen zum Anschauen bietet. Deutschland ist zusammengewachsen. Den Übergang von Thüringen nach Hessen bemerkt man nicht mehr.

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